Corporate Venturing – Das Beste aus zwei Welten vereint

Die Verwalter von Fonds oder Family Offices sowie die Corporate-Venture-Abteilungen mittelständischer Unternehmen stehen immer häufiger vor der schwierigen Frage, welche jungen Unternehmen und Startups als wachstumsstark anzusehen sind und eine hohe Rendite versprechen. Dr. Matthias Wallisch vom RKW mit Sitz in Eschborn gab zuletzt im Rahmen einer Workshopveranstaltung an, dass die Zahl der in Deutschland ansässigen Startups auf 70000-80000 taxiert werden kann[1]. Dementsprechend anspruchsvoll und zeitaufwendig kann die Identifikation und Akquise werden.

Warum überhaupt in Startups investieren?

Es gibt zwei gute Gründe, in Startups zu investieren: Wissen und Geld. Für mittelständische Unternehmen steht vor allem der Wissenstransfer im Vordergrund. Die Investition in Startups kann Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Konkurrenten verschaffen, indem Zukunftstechnologien frühzeitig erkannt und weiterentwickelt werden. Für Investoren aus dem Private Equity-Sektor dagegen stehen die Wachstumschancen eines Startups im Vordergrund. Eine schnelle und möglichst starke Skalierung verspricht im Falle eines Exits hohe Renditen.

Wo sind die Entscheidungshilfen?

Im Falle des CVC sind diese bisher rar gesät. Als Indikatoren, die für ein junges Unternehmen oder Startup und dessen positive Prognose stehen, ließen sich vorangegangene Investments namhafter Kapitalgeber oder starkes Interesse aus der entsprechenden Branche identifizieren. Gleichermaßen gilt aber noch immer, dass etwa 90% aller Startups scheitern[2], oftmals auch an den eigenen Erwartungen und am Markt, der immer mehr einem Haifischbecken ähnelt. Wie lässt sich also beurteilen, was eigentlich noch gar nicht vorherzusagen ist?

Eine Studie der RFH Köln[3] versuchte, Faktoren zu identifizieren, anhand derer sich eine bessere Einschätzung von Startups treffen lässt, was besonders für Corporate Ventures von Interesse sein sollte. Der erste wichtige Faktor des 4T-Scoring-Modells ist die Zusammensetzung des Teams. Neben möglichst großer Diversität ist zu beachten, dass die Teammitglieder Fachkenntnisse und Expertise in ihren jeweiligen Aufgabenbereichen mitbringen. Fehlen wichtige Kompetenzen – wie beispielsweise im Bereich Finanzen oder im juristischen Bereich – ist es relevant, ob das Team sich extern beraten lässt oder Interimsmanager beschäftigt, um den Mangel auszugleichen. Auch Gründungserfahrung bei einem oder mehreren Teammitgliedern ist nicht zu vernachlässigen. 
Der zweite Faktor, Tech & Product, befasst sich mit dem Geschäftsmodell. Dieses sollte eindeutig definiert sein und Kundenwünsche befriedigen, also „Pain Points“ betreffen.
Zwei weitere Faktoren waren überraschenderweise teils noch wichtiger für den Erfolg des Startups. Zum einen spielt das Timing eine entscheidende Rolle. Um hier zu einer Einschätzung zu gelangen, empfiehlt es sich, den Markt zu betrachten, in dem das Produkt letztlich skalieren soll. Befindet es sich in einem Wachstumsmarkt oder bedient es eine Nische, ist dies selbstverständlich von Vorteil, ebenso wichtig ist aber die Frage danach, ob der Markt bereit für das Produkt ist. Dies lässt sich anhand von Weiterempfehlungen, Likes und ähnlichen Markern, die unter dem Begriff „Viralität“ zusammengefasst werden können, ermessen. Ist diese hoch, so hat ein Unternehmen gute Zukunftsaussichten und sollte skalieren.
Der vierte Faktor, Traction, befasst sich damit, wie gut ein Startup sein Budget einsetzt. Erstaunlich dabei ist, dass auch Startups mit einem geringeren Finanzvolumen erfolgreich sein können, wenn sie in der Lage sind, dieses kreativ zu nutzen, um die Unternehmensziele umzusetzen. Auch betriebswirtschaftliche Kenngrößen fließen in die Bewertung mit ein. 

Die erhobenen Faktoren sind häufig schwerer zu beurteilen als „harte Zahlen“, haben aber dennoch einen eindeutigen Mehrwert: sie helfen, eine begründete Wachstumsprognose abzugeben, speziell bezüglich High-Tech-Startups und im B2C-Bereich.

Wie viel soll es sein?

Nach der Identifikation von wachstumsstarken Unternehmen stellt sich unweigerlich die Frage, wie viel Geld in diese investiert werden soll. Eher ein geringer Betrag oder doch im zweistelligen Millionenbereich? Pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten. Zu viele verschiedene Umgebungsfaktoren sind zu berücksichtigen: Die Branche, in der das Startup lokalisiert ist. Die finanziellen Möglichkeiten des Fonds oder Unternehmens. Die Risikobereitschaft der Geldgeber. Die Phase, in der sich das Startup gerade befindet. Wenn sich ein Kapitalgeber Gedanken über die Höhe seiner Investition macht, sollte im Optimalfall ein Branchenexperte involviert sein, der die „DNA“ von Startups gut kennt und ein Gefühl dafür hat, wie hoch das Potenzial im Umfeld der Branche ist. 

Transaktionen vorbereiten und durchführen

Sobald die Konditionen klar sind, steht einer Beteiligung nichts mehr im Wege. Jedoch ist eine Vielzahl an Formalia und Dokumenten notwendig, um juristische Sicherheit zu schaffen. Die relevantesten sind ein Term Sheet, eine Beteiligungs- und Gesellschaftervereinbarung mit Investment und Shareholders‘ Agreement sowie ein Gesellschaftsvertrag[4].

Unter einem Term Sheet ist eine rechtlich unverbindliche Absichtserklärung zu verstehen, die den Grundstein für die Verhandlungen zwischen Investor und Startup legt. Die festgehaltenen Rahmenbedingungen werden meist nach kleinen Anpassungen in eine Beteiligungs- und Gesellschaftervereinbarung überführt.

Das Investment Agreement umfasst die Höhe der Investitionen sowie die Anteile, welche der Investor dafür erhält. Auch die Modalitäten der Auszahlung werden darin geregelt. Darüberhinausgehende Vereinbarungen, welche vor allem die vielfältigen Rechte des Investors als Gesellschafter wie beispielsweise Eingriffsmöglichkeiten in das operative Geschäft oder Vetorechte beinhalten, sind im Shareholders Agreement erfasst.

Der auch als Satzung bezeichnete Gesellschaftsvertrag, als im Handelsregister öffentlich einsehbares Dokument, enthält eher grundlegende Informationen zur Firma und den neuen Besitzverhältnissen. Bezüglich der inhaltlichen Relevanz ist er dem Investment und Shareholders‘ Agreement nachgestellt. Beide unterliegen im Gegensatz zum Term Sheet strengen formalen Vorschriften und bedürfen in fast allen Fällen einer notariellen Beurkundung. Die genannten Dokumente können im Bedarfsfall noch durch weitere ergänzt werden, exemplarisch wären u.a. Verträge mit der Geschäftsführung oder Geschäftsführeranstellungsverträge.     
Sowohl aus Sicht des Investors als auch aus Sicht des Startups empfiehlt es sich, Rechtsexperten an seiner Seite zu haben, um nicht unwissentlich Zugeständnisse zu machen, die man später bereuen muss. 

Nach der Investition ist vor der Investition

Genau wie die F&E-Abteilung eines Unternehmens nicht nach einer erfolgreichen Produktinnovation oder -entwicklung die Arbeit einstellt, so sollte auch nach einer erfolgreichen Transaktion keine Zeit des entspannten Zurücklehnens Einzug halten. Unter Einbeziehung der Tatsache, dass die meisten Startups und neuen Unternehmen innerhalb weniger Jahre scheitern, ist es notwendig, stets weiterhin auf der Suche zu sein. Unternehmen, die nicht die nächste wegweisende Entwicklung in ihrer Branche verpassen wollen, sollten in eine Vielzahl an Startups investieren, um am Wissenstransfer teilhaben zu können. Und auch für Fonds ist es angebracht, nicht zu viel Geld auf ein Pferd zu setzen, sondern die Investitionen zu diversifizieren und Weitsicht zu zeigen.

Venture Capital bedeutet übersetzt Wagniskapital. Ein Risiko beinhaltet dementsprechend eine jede solche Investition. Im Worst Case droht der Verlust des eingesetzten Kapitals, im Best Case profitieren alle Beteiligten maximal. Die Alternative, die darin bestünde, immer nur auf Sicherheit und Bewährtes zu setzen, ist jedoch keine Alternative. Denn wer kein Risiko eingeht, der hat auch nichts zu gewinnen – und verliert im schlimmsten Fall die Zukunft. 

Autoren: Robert Bauer, Yannik Rediske, Christian Wewezow


[1] „Startup-Kooperationen systematisch entwickeln“, 27.10.2020

[2] https://www.manager-magazin.de/lifestyle/artikel/start-up-szene-new-work-arbeitswelt-ist-oft-eine-schoene-neue-scheinwelt-a-1264963.html

[3] https://www.rfh-koeln.de/e380/e1184/e46696/e21828/e25046/StudieLangversion_4T_Start-upRFH_ger.pdf

[4] https://www.cmshs-bloggt.de/venture-capital/die-vertragsdokumente-einer-venture-capital-beteiligung/

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